Unser täglich Spam

Aus dem Internet frisch auf den Tisch. Köstlich und aromatisch.


Schlagwortarchiv „Übersetzungsagentur“

Blitzschnelle Übersetzungen

Dienstag, 28. Juni 2016

Von: Andrea Schulz <andrea (punkt) schultz (at) lingworld (punkt) de>
An: gammelfleisch@tamagothi.de

Diese Spam geht an jede Mailadresse, die sich irgendwo im Web einsammeln lässt. Es ist Schrotmunition. Der Absender denkt sich, dass schon ein paar seiner Spams treffen werden.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Bin ich nicht, ich bin nur eines davon.

Ich kontaktiere Sie heute im Namen von einer modernen Online-Übersetzungsagentur.

Meinst du Google Translate? :mrgreen:

Wir haben bis heute über 34 000 Aufträge realisiert, dabei wurden über 25 Millionen Wörter und mehr als 500 Webseiten übersetzt.

Oh toll, Zahlen! Du übersetzt nicht nur, du zählst dabei jedes einzelne Wort. Komische Fetische gibt das da draußen. Was aber der Unterschied zwischen einer Website und einer Webseite ist, das ist dir entgangen.

Unsere Stärken, wie hohe Qualität, sofortige Angebotserstellung, Realisierungszeit ab 15 Minuten sowie ein qualifiziertes Team von 300 Fachübersetzern und Muttersprachlern haben uns das Vertrauen von bereits mehr als 8000 Kunden eingebracht.

Klar, hohe Qualität. Deshalb musst du auch deine illegalen und asozialen Qualitätsspams machen.

Darf ich Ihnen mehr Informationen über unser Übersetzungsangebot zuschicken?

Nein, du durftest mir nicht einmal diese Spam zuschicken. Aber wenn du es schon machst, hättest du sie ruhig „informativ“ machen können, das Mailpapier ist nicht begrenzt.

So, und jetzt noch ein Leckerli!

Mit freundlichen Grüβen
Andrea Schultz

Innendienst

In diesem Abschluss befindet sich ein sehr charakteristischer Fehler, den ich sonst nur in einem einzigen Kontext gesehen habe: Es wurde nicht das deutsche „ß“, sondern das griechische Beta, ein „β“, verwendet. Sicher, diese beiden Zeichen sehen auf dem Bildschirm sehr ähnlich aus. Aber: Wer eine deutsche Tastatur vor sich hat, kann ja mal versuchen, darauf ein „β“ zu tippen.

Ja, das geht wirklich. Aber nur, wenn man es wirklich will. Unter Microsoft Windows müsste man hierfür sicherstellen, dass die Num-Lock-Taste aktiviert ist, die Alt-Taste gedrückt halten und im Zehnerblock die Tasten 946 tippen, um dann die Alt-Taste wieder loszulassen. Das „ß“ hingegen, dieses zweite „s“ der Deutschsprachigen, das in mir stets den Verdacht erweckt, einer der überflüssigsten Buchstaben der Welt zu sein, es findet sich einfach als direkter Tastendruck neben der Null.

Das Ergebnis dieser Mühe beim Einfügen eines Sonderzeichens sieht dann aber, wenn man es nicht auf dem Bildschirm, sondern ausgedruckt sieht, ziemlich beschis… ähm… bescheiden aus. Das „β“ hat in den meisten Schriftarten eine leichte Neigung und eine deutlich variablere Strichstärke als jeder lateinische Buchstabe und sieht deshalb wie ein Fremdkörper im Text aus. Ein richtiger Dolmetscher, der auch Texte für den Druck übersetzt, würde einen solchen Fehler niemals machen.

Und damit ist auch schon klar, was hier mit „hoher Qualität“ und „qualifiziertes Team“ gemeint ist.

Das Interessante an diesem Fehler ist aber, dass ich ihn gut kenne. Es gibt eine große Spamwelle der Vergangenheit, in der dieser Fehler ebenfalls immer wieder einmal auftrat, und das waren die unter diversen Namen auftretenden Suchmaschinenoptimierer, die jeden auf die erste Seite einer Google-Suche zu bringen versprachen, die sich für ihre eigene Reklame allerdings nicht ihrer eigenen, ehrfurchtgebietenden Künste bedienten, sondern lieber aufdringliche, dumme und fluthafte Spam versendeten. Was man dort dann wirklich für sein Geld bekam, war reinster Hokuspokus-Betrug.

Ich gehe wegen dieses einen, aber sehr charakteristischen Fehlers – jemand, der zum Beispiel ein automatisches Übersetzungsprogramm verwendet, bekommt natürlich das richtige „ß“ – davon aus, dass ich in dieser Spam die Künste des gleichen Menschen vor mir habe wie damals beim SEO-Betrug. Vermutlich handelt es sich sogar um die gleiche Bande, und ich muss dem unbekannten Autor dieser Spams lassen, dass er wirklich passables Deutsch schreiben kann. Der alte Betrug mit der „Suchmaschinenoptimierung“ zieht offenbar nicht mehr, und da suchen sie sich halt einen neuen Beschiss.

www.lingworld.de

Oh, eine hübsche Domain, die natürlich standesgemäß über einen Dienstleister anonymisiert registriert wurde. Was für Privatleute eine völlig sinnvolle Maßnahme (etwa zum Schutz vor Spam an die von der DeNIC veröffentlichten Daten) sein kann, verbreitet bei gewerblichen Auftritten ein recht fauliges Odeur. Für Interessierte: Hier ist der Screenshot der Website.