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Parship: Reklame für mathematische Analphabeten

Dienstag, 3. Oktober 2017, 15:50 Uhr

Plakatwerbung für 'Parship' im öffentlichen Blickraum: Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Parship -- Jetzt parshippen

Ist die von Werbern gegebene Zusicherung „alle elf Minuten“ auf dem Plakat eine Empfehlung? Nun, das lässt sich nach einer kleinen Rechnung viel besser abschätzen. Für diese Rechnung ist nicht einmal „höhere Mathematik“ von Nöten, sie sollte jedem Hauptschüler mit seinen Schulkenntnissen möglich sein.

Zunächst: Wie viele Minuten hat ein Jahr. Es hat 365 Tage mit jeweils 24 Stunden zu 60 Minuten, also insgesamt…

$ echo "365*24*60" | bc
525600
$ _

…rd. 526.000 Minuten. Wenn sich alle elf Minuten ein Single „über Parship“ verliebt…

$ echo "525600/11" | bc
47781
$ _

…dann sind das etwas unter 48.000 „erfolgreiche Liebesvorfälle“ im Jahr.

Nun ist Parship einer der großen Anbieter für die „Fleischvermittlung“, der seit Jahren mit hohem Aufwand und omnipräsenter (also auch kostenintensiver) Reklame um Kunden für seine hochpreisige Dienstleistung wirbt. Wie viele Nutzer wird Parship wohl haben? Wenn es mehr als 50.000 wären, dann gäbe es schon einige, die sich durchschnittlich nicht ein einziges Mal im Verlaufe eines Jahres „über Parship verliebten“. Die Wahrscheinlichkeit in Prozent, dass jemand oder jefrud sich als Parship-Kunde binnen eines Jahres „über Parship verliebt“ in Abhängigkeit von der Anzahl der Parship-Kunden sieht übrigens als kleines, als Konsolenausgabe zugegebenermaßen nicht ganz so hübsch formatiertes Tabellchen so aus¹:

$ echo 'scale=1; for(i=50000; i<=500000; i+=50000) { print i, "\t", 100 * 47781 / i, "\n"; }' | bc
50000   95.5
100000  47.7
150000  31.8
200000  23.8
250000  19.1
300000  15.9
350000  13.6
400000  11.9
450000  10.6
500000  9.5
$ _

Wer diese Zahlen in hübscherer Formatierung sehen möchte, verwende einfach eine Tabellenkalkulation, und wer meinen vielleicht etwas kryptisch anmutenden Rechnungen mit bc nicht vertrauen möchte, greife zu seinem Taschenrechner und rechne es damit nach! Ich mache das nur so, weil ich faul bin und gern die Zwischenablage verwende. ;)

Schon, wenn „Parship“ nur eine Viertelmillion Nutzer hätte – das wäre rd. ein drittel Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland – bedeutete dies, dass sich mehr als vier Fünftel aller Nutzer nicht einmal binnen eines Jahres „über Parship verliebten“.

Wenn ich dem Wikipedia-Lemma zu „Parship“ glauben darf, kostet die Nutzung von „Parship“ mindestens rd. dreißig Euro pro Monat, ohne Rabatt gar rd. 45 Euro. Der beachtliche Umsatz von „Parship“ wird von Menschen erbracht, die nach Genuss derartiger Reklame dazu bereit sind, bis zu rd. 540 Euro im Jahr dafür zu bezahlen, dass ihnen auf allgegenwärtigen Plakaten relativ offen und mit Leichtigkeit durch eine Rechnung abschätzbar mitgeteilt wird, dass sie an einer chancenarmen Vermittlung teilnehmen. Wer rechnen kann, liest den claim auf diesen Plakaten etwas anders: „Alle elf Minuten teilt dir eine Plakatreklame mit, dass deine Intelligenz offen verachtet wird“.

Oder anders gesagt: Das Geschäftsmodell von „Parship“ basiert darauf, dass von Seiten „Parships“ mit dem leider sehr verbreiteten mathematischen Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland gerechnet wird. Oder etwas weniger zurückhaltend ausgedrückt: Die Opfer eines dysfunktionalen Schulsystemes, das nicht einmal mehr zivilisatorische Grundfertigkeiten wie das elementare Rechnen so zu vermitteln vermag, dass sie lebenspraktisch anwendbar sind, werden mit schönen Bildern zu für sie unverständlichen Zahlenspielen abgeholt und professionell am Geldbeutel abgemolken. Und auch weiterhin werden die Schüler im Zeitalter der Rechenmaschine mit stundenlangen und geisttoten Rechenexerzitien gequält, damit die Erwachsenen von morgen in den Schulen von heute auch ja gut auf die Herausforderungen von gestern vorbereitet werden. :(

Nicht Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Dummheit ists.

¹Die print-Anweisung funktioniert so nur im GNU bc, sie entspricht nicht dem POSIX-Standard. Ich habe sie hier benutzt, um einen Tabulator für bessere Formatierung in die Zeilen zu bekommen.

Ich mag es so sehr, da muss ich gleich mal zum Facebook klicken...

5 Kommentare für Parship: Reklame für mathematische Analphabeten

  1. Atari-Frosch sagt:

    Das Ergebnis ist noch schlechter, wenn man bedenkt, daß nicht jede „Liebeserklärung“ vom anderen erwidert wird. „Verliebt sich“ ist also nicht gleich „findet tatsächlich einen Partner“.

    Vor Parship wurde letztes Jahr übrigens explizit gewarnt: Stern Online, 08.06.2016 Geprellte Kunden bei Partnerbörse: Warum Verbraucherschützer vor „Parship“ warnen – da werden schon Kontakte abgerechnet, wenn man sich nur gegenseitig „Hallo“ geschrieben hat. Ich hab leider nichts darüber gefunden, ob und wie der laufende Prozeß deswegen mittlerweile abgeschlossen wurde. Es ist zu vermuten, daß Parship den immer noch hinauszögert.

  2. I.R.Gendwer sagt:

    lt. Wikipedia in 2014 60 Mio. Umsatz, heißt max ca. 200000 zahlende Nutzer weltweit, eher weniger.
    Und: zum erfolgreich Verlieben gehören normalerweise zwei – wenn sich nur einer verliebt nennt man das gemeinhin platonische Liebe.

  3. Siewurdengelesen sagt:

    Abseits des Mathematischen ist doch schon die Aussage an sich Tünnef. An was machen die das fest, dass sich ein Single „verliebt“?

    Werden die bei Vertragsabschluss alle gleich mit verdrahtet oder gibt´s eine App, die das mitmeisselt oder gedrückt wird, wenn es die emotionale Blitzbirne zerlegt?

    Ups – hatte ich vergessen, Werbung dient doch nicht dem Informieren, Aufklären, Bilden oder Nachdenken, sondern dem Gegenteil. Hätte ich doch wei bei so vielem auch diesen Spruch nicht ernst genommen;-)

  4. benediktg sagt:

    Laut einer Studie verändere Online-Dating angeblich die Gesellschaft. https://www.heise.de/newsticker/meldung/Studie-Online-Dating-veraendert-die-Gesellschaft-3862144.html

    Ist diese Studie dann eigentlich Müll? :D

    • Hui, homosexuelle Menschen finden sich zu rd. 70 Prozent online für ihre Beziehungen (mit Augenmaß aus Diagramm 1 abgeschätzt)… ist es doch immer noch so bitter. :(

      So weit ich das beim ganz schnellen Querlesen sehen kann, handelt es sich bei der Studie um ein Modell, das in Computersimulationen untersucht wurde und in das im Verlaufe der Simulation Online-Dating eingeführt wurde. Die Entwicklung in diesem Modell wurde dann mit Daten aus den USA verglichen. Das ist nicht unbedingt „Müll“, ich habe schon viel Schlimmeres von Soziologen gesehen, aber allzu weitreichende Schlüsse würde ich daraus auch nicht ziehen wollen. Ganz sicher ist hingegen ein Haufen Geld für „alle elf Minuten“ verschwendet. ;)

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