Unser täglich Spam

Aus dem Internet frisch auf den Tisch. Köstlich und aromatisch.


Die Allgegenwart der Werbung

Samstag, 24. März 2007, 15:46 Uhr

Dies ist eine Liste von Orten und Gegenständen, die für den Transport von Werbung verwendet werden. Es ist beinahe unmöglich, eine solche Liste vollständig zu machen, da die „Kreativität“ der Werber immer wieder neue, noch werbefreie Orte entdeckt, die dann mit dieser einseitigen und dummen Form der Kommunikation zugekleistert werden. Auch macht die tägliche Konfrontation mit diesem Wahnsinn so stumpf, dass man sich damit abfindet und die Wirklichkeit dieser Blickraumverseuchung nicht mehr wirklich zum Bewusstsein dringen lässt.

Die Reihenfolge in dieser Liste ist willkürlich und spiegelt den zähen Kampf meiner Assoziationen gegen die Bewusstlosigkeit und Stumpfheit wider.

  • Wände (mit Plakaten, Bemalung, Projektionen)
  • Autos (in der Hauptsache Taxis und gewerblich genutzte Fahrzeuge, aber immer häufiger auch auf privat genutzten Fahrzeugen)
  • Krankenwagen
  • Straßenbahnen
  • Busse
  • ausgelegte Fahrplan- und Anschlussinformationen
  • Fahrkarten
  • Pferdekutschen (besonders beliebt bei Brauereien)
  • Türen
  • Fenster
  • Der Himmel (Ballons mit Werbung, Werbezeppeline)
  • Straßenrand (zum Teil sehr aufdringlich mit wechselnden Inhalten, wobei mich die Unfallhäufung im Zusammenhang mit dieser aggressiven Form der Werbung wirklich interessieren würde)
  • Litfasssäulen
  • Sportler (jeder heutige „Profisportler“ ist in erster Linie eine rennende Litfasssäule und wird vor allem dafür bezahlt)
  • Bandenwerbung bei Sportereignissen
  • Fußballstadien (in letzter Zeit wurde durch Umbenennung bei vielen „Arenen“ der letzte Rest Lokalkolorit abgeschmirgelt)
  • Fahrgastraum von Bussen und Staßenbahnen (über den Fenstern und durch Einblendung in Informationssystemen)
  • Öffentliche Toiletten
  • Pinkelbecken (eingeklebte Werbung, manchmal akustische Werbung bei der Benutzung)
  • Innenraum von Toilettenkabinen
  • Wand über dem Pinkelbecken
  • Aschenbecher
  • Mülleimer
  • Bierdeckel
  • Gläser
  • Tassen und Untertassen
  • Teller
  • Sitzgelegenheiten in Parks und im innerstädtischen Bereich
  • „Gesponsorte“ Sozialarbeit
  • Zeitungen (in der Regel mehr als 50 Prozent Werbung)
  • Zeitschriften (in der Regel mehr als 50 Prozent Werbung)
  • Kalender
  • Uhren im öffentlichen Raum
  • Radioprogramm
  • Fernsehprogramm
  • Lautsprecherdurchsagen (etwa im Nahverkehr, in Kaufhäusern, in Aufzügen oder bei Veranstaltungen)
  • Informationsysteme des öffentlichen Nahverkehrs
  • Internetseiten
  • Software (vor allem in werbefinanzierten Spielen, aber auch häufig in erworbener Software wie Druckertreibern als Hinweis auf passende „Markenprodukte“ oder andere Software des gleichen Herstellers)
  • Mails
  • Flugblätter
  • Kleidungsstücke und Bettwäsche
  • Treppen (auf die Trittflächen oder Stufenabsätze geklebt)
  • Wege (aufgeklebt, aufgemalt oder projiziert)
  • Schilder an der Straße
  • Kassenbons
  • Eintrittskarten
  • Anlagen zu Rechnungen
  • Kontoauszüge (beinahe jede Bank nutzt diese Gelegenheit, um auf ihre tollen Angebote hinzuweisen)
  • Einblendungen für die Wartezeit am Geldautomaten
  • Postwurfsendungen
  • Möbel (einige Menschen zahlen sogar Geld für Möbel, die mit einer aufgedruckten Marke „verziert“ sind)
  • Getränkepackungen (seit einigen Monaten wird auch bei TetraPaks eine Fläche mit Werbung bedruckt)
  • Mousepads
  • Kugelschreiber und Bleistifte
  • Flaschenöffner
  • Feuerzeuge
  • Taschenbücher (sowohl mit Hinweisen auf andere Erscheinungen als auch Werbung für Kapitalanlagen)
  • Telefonanrufe
  • Telefonbücher
  • Servietten in Restaurants

Nach dem Überfliegen dieser mit Sicherheit unvollständigen Liste sollte sich jeder die Frage stellen, welche Räume noch ohne Werbung sind. Die Werber stellen sich diese Frage auch, und sie werden gewiss in den nächsten Jahren einige dieser Räume erobern, etwa die nachfolgend aufgelisteten.

  • Särge, Grabsteine und Grabtafeln (eine werbefinanzierte Bestattung kann für die neuen Armen als Alternative zum anonymen Verscharren angeboten werden)
  • Toilettenpapier
  • Münzen und Banknoten (im Moment ist dafür noch ein dickes Brett zu bohren, aber auch die Notenbanken haben Kosten, die sie gern reduzieren würden oder in Zukunft reduzieren müssen)
  • Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge
  • amtliche Bescheide
  • Werbeunterbrechungen in Telefongesprächen (der Preisdruck auf die Telefonanbieter wird gewiss schon bald solche Blüten treiben)
  • Zu Verkehrsschildern (im Stile von: der Ausbau dieser Straße wurde gesponsort von XXX)
  • Desktop des Computers (Microsoft hat so etwas schon mit Windows 98 und dem so genannten „Active Desktop“ versucht, war aber damals seiner Zeit „zu weit voraus“, so dass dieser Versuch noch scheiterte)
  • Beschallung öffentlicher Räume (das geschieht schon jetzt gelegentlich im Rahmen irgendwelcher Pseudoereignisse)
  • Sponsoring von Schulen, Kindergärten, Rathäusern, Altenheimen, Krankenhäusern und öffentlichen Büchereien
  • Bei Gottesdiensten und anderen religiösen Veranstaltungen
  • Gerichtssaal
  • Landtage
  • Bundestag

Einige der hier angedeuteten Möglichkeiten werden in einigen Jahren Alltag sein, darüber hinaus noch ein paar weitere, für die ich nicht genügend kranke Phantasie habe.

Der Aufwand, mit dem zurzeit Werbung betrieben wird, ist monströs. Er muss es auch sein, da mithilfe der Werbung eine große psychische Kraft im Individuum unten gehalten werden muss. Die meisten Menschen, die ehrlich zu sich selbst sind, werden unter „Selbstverwirklichung“ etwas deutlich anderes verstehen als die Reduktion des eigenen Selbstes auf das Dasein eines Konsumtrottels. Der Zweck der Werbung ist die Unterdrückung der Lust an der und am Ausleben der eigenen Persönlichkeit, das Ziel der Werbung ist kaufender Konformismus durch genormte, in gut behandelbare Zielgruppen passende Kunden. Jeder industriell produzierte Tinnef wird mit Hilfe der Werbung mit einer psychischen Kraft aufgeladen, die aus sehr persönlichen und gut unterdrückten Quellen stammt und über dieses Vehikel an den Kauftrottel gebracht – als Surrogat für ein wirkliches Leben.

Dem traurigen gesellschaftlichen Zerfall unter dem Diktat der totalen Verwirtschaftung ging ein ebenso trauriger persönlicher Zerfall der meisten Menschen voraus, der ebenfalls unter dem Banner der totalen Verwirtschaftung vonstatten ging. Kaum etwas könnte den deprimierenden, gegenwärtig über die Gesellschaften ablaufenden Prozess besser illustrieren als die Allgegenwart der Reklame.

Ich mag es so sehr, da muss ich gleich mal zum Facebook klicken...

25 Kommentare für Die Allgegenwart der Werbung

  1. […] wahren Helden der Jetztzeit im Wahnsinn allgegenwärtiger Werbung erkennt man übrigens daran, dass sie einen solchen Unsinn noch bemerken. Dafür muss man […]

  2. […] aktuellen Edeka-Reklame zeigt sich die ganze Barbarei des gegenwärtig von Werbung und Medien überall transportierten Menschenbildes. Der Mensch soll “tanken”, so, wie er sein Auto betankt. […]

  3. […] einige religiöse Fundamentatisten und Kryptokommunisten noch über die sich überall ausbreitende Werbung in dümmlichen Ton maulen, soll jetzt ausgeschöpft werden, was sich ausschöpfen lässt. Das […]

  4. Torsten sagt:

    Jaaa, auch mir geht die Zukleisterung des öffentlichen Raumes mit Konsumterror gewaltig auf den Keks.

    Hier noch ein paar Ergänzungen:

    - es gibt immer mehr Werbelokomotiven (also die großen der DB)

    - bei Bussen und Bahnen werden jetzt auch verstärkt im Inneren Werbemonitore angebracht, die neben den Haltestelleninformationen auch nervige Zappelwerbung zeigen (das mach aber nix, weil man eh nicht mehr rausgucken kann, da auch die Fenster jetzt immer öfters mit Werbefolien zugekleistert werden)

    - hier im Stuttgarter Hauptbahnhof wird jetzt Werbung direkt auf die Bahnsteigkante geklebt (auf diese Art der Werbung kann man wenigstens angemessen reagieren, d.h. sie mit dreckigen Schuhen treten…)

    - nervige Werbeprojektoren in Tunnelbahnhöfen

    Torsten

  5. […] weiterer wichtiger Schritt in der Ausbreitung der Allgegenwart der Werbung: “Endlich” gibt es auch ein offizielles Zahlungsmittel (also Geld) mit […]

  6. […] Alkohol bei weitem nicht das einzige unnötige und schädliche Zeug, das den Menschen mit alldurchwaltender Werbung aufgedrückt […]

  7. […] Da weiß ich doch gleich, dass Geld aus Spenden und menschlichem Miteinander unbeachtlich im Tortendiagramm das Törtchen für “Sonstiges” formen wird. Dabei habe ich immer der Versuchung widerstanden, mich in einer Form zu finanzieren, die ich abgrundtief hasse. Es ist wirklich schon genug Umwelt mit dieser einseitigen, gierigen und dummen Form der Kommunikation zur Unwelt gemacht worden. […]

  8. […] Überreste dokumentiert, kann man die mutige Entschlossenheit dieses Schrittes angesichts der Allgegenwart der Werbung erahnen. Der Autor Roberto Pompeu de Toledo bezeichnete diesen Schritt als “[…] einen […]

  9. […] nicht durch die offenbare Tatsache, dass gewaltige Beträge in die immer weiter ausgedehnte Allgegenwart der Werbung gesteckt werden, von diesem falschen Glauben abbringen lässt, der sollte einmal einen Blick […]

  10. […] eines Aldi-Marktes nicht angetroffen. Es handelt sich nicht um eine der künstlich mit allgegenwärtiger Werbung groß gemachten Marken. Es ist eine völlig überflüssige Marke, die dort nur auf […]

  11. […] Umschau«, und manchmal sogar etwas Aufklärung über die Werbung, die mit ihrer Allgegenwart jedes Menschen Sinn verzerrt — natürlich nur als kleine Randbemerkung im […]

  12. […] wurde.) Wahrscheinlich wäre unser aller Leben etwas entspannter, weil wir nicht allerorts von Werbung angeplärrt würden und deshalb mehr Zeit fänden, uns auf das zu besinnen, […]

  13. […] legal vorgehenden Werber wie die Spammer: Unentwegt suchen sie nach neuen Wegen, um auch wirklich die ganze Welt mit der Allpräsenz von Marken- und Produktreklame zu vergällen. Selbst denn noch, wenn diese neuen Wege den Missbrauch einer an sich für Menschen […]

  14. […] Natürlich glaube ich an Dämonen. In der gleichen Weise, in der ich an Liebe glaube. Und an UFOs. Und an Spuk. Das Wort »Glauben« trifft es gar nicht richtig, da es einen Anklang von möglichem Zweifel enthält. Ich weiß davon. Ich weiß, dass der eigentliche Mensch ein psychischer Mensch ist. Weil. Ich es jeden Tag erlebe, obwohl die meisten Menschen es nicht wahr haben wollen. Und deshalb leicht über psychische Mechanismen manipulierbar werden. Wie. Jede. Reklame. Belegt. (Und von Reklame ist der öffentliche Blickraum voll.) […]

  15. […] Kälte und Stumpfheit mit der Ausrichtung aller medialer Angebote auf die geldwerte Allgegenwart der Werbung wird in jedem Fall durch bloßes Hinschauen […]

  16. Peter sagt:

    Danke für diesen Artikel und auch die absolut zutreffenden Sätze am Schluss – „als Surrogat für ein wirkliches Leben.“, so sieht es aus. :evil:

    Ich bin auch grad dabei, eine kleine Artikelserie über die Schädlichkeit von Reklame zu schreiben, da werde ich auf diesen Text hier auf jeden Fall mit verweisen.

  17. […] bleibt. Deshalb gibt es jetzt auch Reklame in 140 Zeichen. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Allgegenwart der Werbung. […]

  18. […] nur noch mit der brille des werbers eine freie fläche, die mit reklame zugekleistert werden kann, weil sie noch nicht zugekleistert ist. Ich finde es immer wieder zum […]

  19. […] zu bedauerlich, dass die privaten Bereiche der Menschen immer noch frei von der Pest der sonst so allgegenwärtigen Reklame sind. Und wer sich so etwas an die Wand hängt, kriegt dafür nicht etwa Geld, sondern soll […]

  20. […] werbung auf unsere kompjutermonitore zu schaufeln, als wenn unsere unwelt noch nicht genug von allgegenwärtiger reklame durchpestet wäre. Allein für diese eine unverschämtheit sollte man die verantwortlichen dort zu […]

  21. […] Telefonen noch gefehlt! Denn Werbung, müsst ihr wissen, Werbung gehört zu den Dingen, von denen wir einfach noch nicht genug in unserer Un-Welt haben. […]

  22. […] Neben Facebook haben internetaffine Menschen ohne technisches Verständnis jetzt ein weiteres Spielzeug, um ihre Kontakte zu pflegen und einem großen, werbevermarktenden Unternehmen eine ordentliche Datensammlung in die Datenbank zu schaufeln: Google Plus. Oder sollte ich Google+ schreiben? Einen Namen auf einem Additionszeichen zu beenden, ist keine so geschickte Entscheidung, denn die richtige Schreibung wirkt in jedem Text wie ein Fremdkörper. Der technokratisch durchgesetzte Zwang zum Realnamen wirkt hingegen im Internet wie ein Fremdkörper, denn dort ist die Anonymität immanent. Und nein, angesichts der Sammelwut dieser Unternehmen einen falschen Namen zu nehmen, ist sinnlos. Manche benutzen ja sogar breit beworbene Browser von Google. Vernünftigere Menschen nehmen den wirklich nicht schlechten Browser lieber ohne die obskuren Google-Beglückungsideen. Aber für letzteres macht ja niemand Werbung. Und ja, Werbung wirkt. Leider. Und es gibt kein Entkommen… […]

  23. […] Linux-Distribution Ubuntu leistet einen interessanten Beitrag zur Allgegenwart der Werbung, indem sie in einer Standardinstallation von Amazon bezahlte Werbung für bei Amazon käufliche […]

  24. […] Golem-Artikel zu den neuesten Bemühungen der (leider) legal Reklametreibenden, die bestehende Allgegenwart der Werbung noch weiter auszubauen – wenn es auch ein bisschen halbseiden bis kriminell […]

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